Literaturhaus Rezension "Tiotland"

Die 1974 in Zagreb geborene Autorin legt mit diesem als Roman ausgewiesenen Prosatext eine fiktionalisierte Autobiografie ihrer Kindheit und frühen Jugendjahre im ehemaligen Jugoslawien vor. Erzählt wird die Zeit vom unfreiwilligen Eintritt in den Kindergarten bis zur mehr oder weniger erzwungenen Übersiedlung und also Emigration nach Österreich im Zuge des Balkankrieges. Die Tochter einer Filmschauspielerin und eines Architekten blickt auf einen ereignisreichen Start ins Leben zurück, das trotz des autoritären Führungsstils eines Josip Broz alias Tito nicht nur in vorgezeichneten Bahnen verlief, sondern ungeahnte Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung bot, was sicherlich auch dem gesellschaftlichen Status der Eltern geschuldet war. Denn, wie die Ich-Erzählerin freimütig bekennt, „im sozialistischen Paradies der Gleichen waren meine Eltern gleicher“. Von der anonymen Masse der Werktätigen hoben sich nämlich Politiker, Intellektuelle und Künstler trotz aller ideologischen Einschränkungen deutlich ab. Kritik am politischen System sowie am allmächtigen Staatsoberhaupt durfte zwar nicht offen geübt werden, dafür waren das Auskommen eines jeden Bürgers gesichert. Die Menschen hatten einen Arbeitsplatz, eine Wohnung und durften, wie Tajders Eltern, sogar ausreisen. Da der Vater ein leidenschaftlicher Schiläufer war, fuhr man sogar einmal jährlich ins „Wunderland“ Österreich, um sich, wenn auch mit schmalem Budget, den obligaten Winterurlaub zu leisten. Den Sommer verbrachte man ohnedies an der Adria. Insofern überrascht es nicht, wenn die Autorin vermerkt: „Es ging uns gut und wir glaubten an die Zukunft.“ Die glatte Oberfläche einer behüteten Kindheit bekommt allerdings Risse, als sich die Eltern des Mädchens trennen und der Vater schließlich eine Stelle in Wien annimmt. Da der Familie im Terminkalender der umtriebigen Mutter nicht oberste Priorität zukommt, verbringt die Heranwachsende, wenn sie nicht gerade mit ihrer besten Freundin Barbara die Straßen von Zagreb unsicher macht, viel Zeit mit sich zu Hause, was im Nachhinein als ideale Vorbereitung auf eine künstlerische Laufbahn gedeutet werden kann. Inmitten familiärer Umbrüche sieht sich die Protagonistin außerdem mit einer Erkrankung der Wirbelsäule konfrontiert, an der sie seit geraumer Zeit laboriert. Als Physiotherapien keine Linderung mehr verschaffen, wagen die Ärzte eine Operation – freilich mit schmerzhaften Folgen. Ein halbes Jahr trägt die Patientin einen Gips, dann wird ihr Oberkörper in ein Korsett eingeschnürt und gestrafft, was zur Folge hat, dass sich bis auf Weiteres kein Junge an das Mädchen heranwagt. Die Gewalt, welche dem jugendlichen Körper auf medizinisch-orthopädischem Weg widerfährt, nimmt auf allegorische Weise das Schicksal des jugoslawischen Staates nach Miloševis Machtergreifung vorweg. Als Tajder wieder aufrecht gehen kann, schlagen die ersten Bomben in Zagreb ein. Mit wenigen Habseligkeiten versehen, fliehen Mutter und Tochter aus ihrer kroatischen Heimat, die sich nun wie das übrige Jugoslawien im Kriegszustand befindet, nach Wien.

Tajders mit viel Humor verschriftlichte Reminiszenzen überraschen den unbedarften Leser mit ihrer wohlwollenden Haltung gegenüber dem Tito-Regime, dem es zwar gelang, ethnische Spannungen im Vielvölkerstaat Jugoslawien zu glätten, das dem Einzelnen innerhalb der kommunistischen Gesellschaft jedoch ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit abverlangte. Der verpflichtende Beitritt zu Jugendorganisationen, Zensur und die Allgegenwart des Geheimdienstes scheinen angesichts chronischen Warenmangels und regelmäßiger Stromabschaltungen freilich noch das geringe Übel gewesen zu sein. Ungeachtet dieser Tatsachen lässt die Autorin Milde gegenüber Titos Version des real existierenden Sozialismus walten, wobei Zweifel an der Authentizität der Erfahrungen auftauchen – etwa wenn die Autorin in postmoderner Manier bekennt: „Ich weiß nicht immer, was meinen realen Erinnerungen entspricht und was ich nur im Fernsehen verfolgt habe.“

Statt auf historiografische Verbindlichkeit zu pochen, verleiht Tajder ihren Aufzeichnungen vielmehr eine heiter-subjektive Note, die den Charme des Buches ausmacht. Was letztlich zählt, ist nämlich die emotionale Spur, die Erfahrungen über die Jahre hinweg in uns hinterlassen. In diesem Sinn beschwört TITOLAND zwar nicht den Untergang einer idealen Gesellschaft, verweist jedoch zu Recht auf das Verschwinden jener überschwänglichen Lebenslust, die der nicht ganz unkomplizierte Alltag unter Tito mit sich brachte. So resümiert Tajder denn auch klug: „Menschen brauchen Sicherheit, keinen Überfluss. Eine Gesellschaft kann auch ohne Luxus funktionieren.“ Fürwahr eine wichtige Lektion, wie sie vor allem Literatur zu erteilen weiß. Und Tajder gelingt dabei ein Kunststück: beschwingt und unaufdringlich von Wesentlichem zu reden.

Walter Wagner 27. März 2012

Link